Faszien - geheimnisvolle Welt unter der Haut

Das ist der Titel des neuen Dokumentarfilmes von Kirsten Esch, der noch bis am 26.2.2018 auf Arte TV zu sehen ist:

https://www.arte.tv/de/videos/070788-000-A/faszien-geheimnisvolle-welt-unter-der-haut/

Hier die Kurzversion:

Gibt es fasziale Leitbahnen im menschlichen Körper?

Thomas Myers, Autor des Buches «Anatomy Trains: Myofasziale Leitbahnen», bildet in Maine, USA, Therapeuten in Faszientherapie aus. In seinem Buch vertritt er die These, dass sich durch den Körper hindurch verschiedene verbindende Hauptzüge von Fasziensträngen, die sogenannten Anatomy Trains, ziehen. Um Schmerzen effektiv zu beeinflussen, soll nicht nur am Ort des Geschehens behandelt werden, sondern auch entlang der betroffenen Faszienbahn. Denn auch wenn sich der Schmerz nur an einer Stelle äussert, so ist doch die Zugspannung des ganzen Systems massgeblich.

Wissen oder Glaube?

Gibt es diese anatomischen Ketten tatsächlich? Denn Myer’s körpertherapeutischer Ansatz war bislang ein Modell, eine Vorstellung ohne anatomischen Beweis im Kopf des Therapeuten. Sportwissenschaftler Jan Wilke untersuchte in seiner anwendungsorientierten Studie mittels Ultraschall die oberflächliche Rückenlinie, diejenige Zugbahn, die sich von der Fusssohle bis zum Nacken erstreckt. Tatsächlich verbesserte sich durch eine Dehnung des Beines messbar die Beugung und Streckung im Halswirbelbereich.

Lebendiges Fasziengewebe sichtbar gemacht

Der nächste Schauplatz der Faszienforschung: Chirurg Guimberteau aus Bordeaux wollte verstehen, wie die Gleitfähigkeit von Handsehnen funktioniert, damit er diese besser operieren kann. Mittels Endoskopie und winzigen Kameras hat er vor den eigentlichen Operationen Bindegewebe und Faszien erforscht und war fasziniert von den schillernden und lebendigen Bildern, die sich da zeigten:

Es sieht total chaotisch aus, ist es aber nicht. Es macht Leben erst möglich. Eine perfekte Physis. Wir sind wirklich ein Netz von Fasern. Und das zieht sich von der Oberfläche der Haut bis in die Tiefe des Bindegewebes durch. Es gibt keine freien Räume, alles hängt zusammen.

Seine Aufnahmen und Erkenntnisse hat der Arzt in seinem wunderbaren Buch « Faszien: Architektur des menschlichen Gewebes » niedergeschrieben.

Faszien als wichtiges Organ

Auch die Anatomieprofessorin Carla Stecco aus Padua beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Faszien und hat ihr Wissen im « Functional Atlas of the Human Fascial System » zusammengefasst. Sie meint dazu folgendes:

Die Faszien zu vergessen, wäre, als würden wir die Gefässe vergessen, oder die Nerven des Körpers. Es ist ein Organ und wir müssen verstehen, wie wir damit umgehen.

Wir können selbst die Hirnhäute als spezielle Faszie ansehen, denn sie hat letztlich die gleichen Charakteristika wie wir sie aus anderen Teilen des Körpers kennen.

Unsere bisherige anatomische Vorstellung, dass die einzelnen Wirbel der Wirbelsäule aufeinander aufgetürmt sind wie Bauklötze, stimmt nicht. Sie werden im Netzwerk von vielen einzelnen faszialen Strukturen an ihrem Platz gehalten. Ist die innere Zugspannung dieses Netzwerkes im Gleichgewicht, braucht auch ein abgenützter Wirbel nicht zu schmerzen.

Das Aschenputtel-Gewebe

Für den Biologen und Manualtherapeuten Rudolf Schleip ist das Faszienorgan das Aschenputtel-Gewebe, der kleine Dicke, der zu Anfang ausgelacht wird und nun endlich die Anerkennung erhält, die ihm zusteht. Das eigentliche Wegwerf-Organ der Anatomie, das nun zum Filmsternchen aufsteigt.

Woraus besteht dieses fasrige, weisse Gewebe?

Faszien bestehen zu einem Grossteil aus Kollagen, dem Strukturprotein des Bindegewebes. Produziert wird Kollagen durch die Fibroblasten, bewegliche, in der extrazellulären Matrix des Bindegewebes schwimmende Zellen. Die Fibroblasten produzieren nicht nur Kollagen, sondern auch Botenstoffe. Wird Bindegewebe bewegt und gedehnt, geben Fibroblasten entspannungsfördernde und wundheilende Substanzen in die extrazelluläre Matrix ab. Unterbleibt die Bewegung, verfilzen und verdicken die faszialen Strukturen:

Bei einem Bewegungsmangel kommt es zum Wuchern der bindegewebigen Strukturen und dadurch zu einem Funktionsverlust. Bewegung ist notwendig, um unsere Faszien aufrecht zu erhalten.

Die Bindegewebszellen nehmen so direkten Einfluss auf die Spannung des Gewebes und das innert kürzester Zeit. Die Versteifung des Bindegewebes wird von Minute zu Minute durch die Fibroblasten reguliert.

Wasser: ein essentieller Bestandteil der Faszien

Bis zu 70% Wasser soll das fasziale Bindegewebe enthalten. Gespeichert wird Wasser durch die Hyaluronsäure, deren langen Fäden wie ein Fischernetz die einzelnen Wassermoleküle einfängt und bindet. Der Wassergehalt der Strukturen kann von aussen her über die Haut gemessen werden. So konnte Schleip nachweisen, dass durch langsamen, stetigen Druck auf die Rückenfaszie während einer Rolfing Behandlung der Wassergehalt sank. Sobald der Druckreiz sistierte, erhöhte sich der Wassergehalt weit über den Ausgangswert. Die Manualtherapie verbesserte so nachhaltig die Durchfeuchtung und damit auch den Stoffwechsel und die Gleitfähigkeit des Gewebes.

Bewegung und Massage kombiniert !

Die Eigenbewegung bringt noch mehr Dynamik in das fasziale Geschehen, da die Körpertemperatur steigt, was die Enzymaktivität und dadurch den Stoffwechsel erhöht. Die Fibroblasten starten bei regelmässiger Bewegung in nur drei Tagen mit der Produktion von frischem, jugendlichem Kollagen. Durch Bewegung und Massage werden die Kollagenfasern neu ausgerichtet und die Fibroblasten produzieren vermehrt Hyaluron. Das Wasser zwischen den Zellen wird ausgetauscht, dadurch wird das Gewebe befeuchtet und gleitfähiger.

Emotionaler Stress, Sympathikus und Schmerz

An isolierten Faszienpräparaten hat Schleip auch Botenstoffe gefunden, die mit emotionalem Stress zusammenhängen. Auch darauf reagieren Fibroblasten und das Gewebe zieht sich langsam und nachhaltig zusammen. Eigentlich ist es hier die Faszienhülle um den Muskel, die sich verhärtet, weniger der Muskel selber.

Kommt der Schmerz von der Faszie oder dem Muskel?

Gibt es in der grossen Rückenfaszie Nervenendigungen, und wie viele? Das hat Professor Siegfried Mense, Anatome in der medizinischen Fakultät in Mannheim untersucht. Für ihn ist klar: der Einfluss eines Reizes auf die Faszie ist deutlich grösser als auf den Muskel. Die Faszien sind durchzogen von einem Netz unterschiedlichster Rezeptoren und freien Nervenendigungen, was dieses Organ zu unserem empfindlichsten Wahrnehmungsorgan macht. Wird durch Stress der Sympathikus aktiviert, schüttet dieser direkt im Fasziengeflecht Botenstoffe aus, die die Blutgefässe der Faszie verengen. Dies könnte der Grund sein, wieso emotionaler Stress chronische Schmerzen am Bewegungsapparat auslösen kann.

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Faszienforschung zusammengefasst:

  • Schmerzende Stellen und Bewegungseinschränkungen können über die faszialen Zuglinien weit entfernt von dem Ort des Geschehens behandelt werden.
  • Stetiger und langsamer Druck auf Faszien vermindert den Wassergehalt momentan, lässt ihn aber nach der Intervention über den Ausgangswert ansteigen.
  • Emotionaler Stress vermindert den Blutfluss durch fasziales Gewebe und löst so Schmerzen aus.
  • Neben einer manuellen Therapie ist die regelmässige Bewegung von grösster Wichtigkeit.

Der Film ist spannend und schön gemacht – er ist noch bis Ende Februar auf Arte TV zu sehen, auf keinen Fall verpassen!

Eines ist für mich klar: was wir während unseren Esalen Massage Ausbildungstagen machen, ist perfektes Faszientraining: Massage, Deep Bodywork, Movement Practice und Yoga…

Nächste Termine in der Schweiz:

24.2.2018: Austauschtag Langenthal

23./24.6.2018 Einführungskurs Esalen Massage Langenthal

30.6/1.7.2018 Massage Refresher Nacken / Schulter in Solothurn

Lili Imboden, 28.1.2017, www.lilispraxis.ch